Depressionen verschwinden nicht, wenn man sich “zusammenreißt”.

Das schlimmste ist die Angst zu versagen, nicht gut genug zu sein, nicht genug zu sein, zu viel zu sein, nicht zu sein, zu enttäuschen, zu verletzen, zu bestürzen, zu überstürzen, zu zögern, zu aufhalten, zu warten, zu handeln, zu sprechen, zu schweigen, zu lachen, zu weinen, zu nerven, zu leiden, zu laut zu sein, zu schreien, zu leise zu sein, zu wispern, zu bleiben, zu gehen, zu rennen, zu laufen, zu sitzen, zu stürzen, zu fallen, zu kämpfen, zu wenig zu kämpfen, zu lieben, zu heilen, nicht zu lieben und nicht zu heilen und ganz besonders nicht geliebt zu werden. Nicht gemocht zu werden und zu unwillkommen zu sein und ganz besonders, nicht zu leben. Vergessen zu atmen und vergessen zu reden.
Es ist eine echte Krankheit denn man vergisst zu essen, zu trinken, zu lesen, zu singen, zu hören, zu sehen, zu verstehen. Denn man vergisst, sich selbst einzugestehen, dass gerade einfach alles zu viel ist und sich einzugestehen, dass Hilfe das einzige fehlende Stück ist. Und man verdrängt, denn heute soll nicht schon wieder Montag sein, hab' ich geduscht, war ich schon draußen, wie bewege ich nur mein Bein. Und man verdrängt, denn der Dienstag bringt keine Besserung und bevor ich was falsches sage, bleib' ich im Unterricht lieber stumm, denn die Lehrer können ja eh keine Fehler leiden und die Schüler die lachen und man versucht, nicht zu weinen. Und man nimmt es nicht wahr, dass der Magen sich schon zusammen zieht, beim kleinsten Nennen von Essen und Wasser und man nimmt es nicht wahr, dass man selbst fast nichts heut' gemacht hat.
Die einfachsten Dinge können eine große Herausforderung sein aber wie finde ich heraus, was für mich einfach sein kann und woher weiß ich, was ich doch schaffen kann? Und wie finde ich heraus, was mich quält und mich schwächt und woher ich weiß, das alles wär' echt? Und wann schaffe ich es, aus meinem Bett auszusteigen und wie schaffe ich es, mir dabei nicht die Beine zu brechen? Und wann schaffe ich es, den Weg zur Toilette zu meistern und mir dabei nicht meine Arme zu brechen? Und wann bin ich ehrlich, zu mir und meinen Eltern und meinen Freunden und Lehrern und wie sag' ich ihnen, dass ich es nicht schaffe und wenn ich nicht da bin, ich einfach zu schwach bin?
Es gibt nicht immer einen logischen Grund denn ich weiß ja selbst nicht, warum es mir schlecht geht. Ich mein' klar, ich könnte mehr Geld gebrauchen, damit ich mehr leb', aber auch das macht nicht glücklich und auch das motiviert nicht. Aber da muss doch was sein, nur hör' auf mich zu fragen, denn wie oft Du auch fragst, ich kann's Dir nicht sagen, selbst wenn ich es wüsste. Ich weiß nur, dass Deine Nähe mich ein bisschen küsste und das Gefühl mir ein bisschen Zuversicht gab, die schnell doch erstarb, weil Du sagst, dass Du meine Nähe nicht möchtest, selbst wenn ich Dich küsste. Aber ist das der Grund, fragst Du, nein ganz bestimmt nicht. Oder an sich weiß ich's nicht, weil's mir grade nicht schlecht geht, aber auch wenn es mir schlecht geht, ich kann's Dir nicht sagen, also hör' bitte, bitte hör' auf mich zu fragen.
Du weißt vermutlich nicht, wie schlimm es wirklich ist  denn Du sagst ja immer ich soll das Leben positiv sehen und soll optimistisch bleiben. Und Du sagst dass Negativität nur verstärkt, mein Leiden. Aber so einfach ist das nicht, glaube mir, ich gebe mir Mühe. Ich liebe den Sommer, liebe die Briese und liebe die Seen und die Meere und das Leben an sich aber bessern, ja bessern, tut sich dadurch einiges nicht. Und Du sagst, dass ja so auch nichts besser werden kann, aber so einfach ist das nicht, glaube mir, ich gebe mir Mühe. Ich versuche zu atmen und versuche zu üben und versuche das Leben nicht zu sehen als Hürde. Aber so einfach ist das nicht, glaube mir, wenn ich Dir das sage. Es kostet viel Kraft und ich kann fast nichts ertragen.
Es gibt mehr als eine Realität und Deine ist ganz ganz anders als meine, denn in Deiner ist Liebe und Lachen und Freude und das gibt es auch in meiner, doch nicht so ehrlich. Meistens ist mein Leben und Lachen gefährlich, für mich und die Umwelt, weil ich fast implodiere und nicht merke, dass Deine Welt anders als meine ist. Und Du merkst nicht, dass meine Welt anders als Deine ist und merkst nicht, dass Du das meist auch vergisst, wenn Du sagst, dass ich das einfach mal anpacken soll oder meine Ängste überwinden. Und Du vergisst, dass es schwer ist, die überhaupt erstmal zu finden, denn wie soll ich schon über sie laufen, wenn's glatt ist und rutschig und meine Schultern 'ne Last sind und Deine Welt lustig. Deine Welt ist nicht so wie meine und meine Welt wird nie sein wie Deine, wir beide leben in anderen Realitäten. Und ganz nebenbei, ich kann Dich verstehen.
Es ist okay, wenn Du unzufrieden bist das ist völlig normal. Ich kann es Dir meist nicht ganz Recht machen, will Dir nicht zur Last fallen. Doch nebenbei bemerkt, tust Du mir ganz schön gefallen und wir können doch reden und können doch lachen und können doch Deine Unzufriedenheit in Freude umwandeln und meine Leere manchmal mit Liedern füllen oder mit Filmen und Büchern und heimlichen Küssen. Doch nebenbei bemerkt, tust Du mir ganz schön gefallen und Deine Art mit der Welt umzugehen ist echt zu feiern, weil Du meist unbeschwert, offen und frei bist und es okay ist, wenn Du mal nicht high von dem Glück bist. Und so ganz nebenbei, wir beide können doch reden, können doch lachen und wenn Du was brauchst, dann sprich mich ruhig an, denn ich kann Dir trotzdem versuchen zu helfen, selbst wenn's mir schlecht geht, kann ich für andere denken.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

ich verstehe nicht wieso du nichts dagegen unternimmst. wenn du doch solche probleme hast dann mach doch auch was dagegen und heul weniger rum

Mickie hat gesagt…

Lieber Anonymer,

ich danke Dir für Deinen Anstoß, etwas gegen meine Situation zu tun.
Das werde ich dank Dir definitiv tun, denn Du hast ja Recht, so kann es nicht weitergehen.

Das nächste Mal, wenn ich einen Text schreibe, der meinen Freunden und meiner Familie zeigen soll, wie ich mich fühle, nur um vielleicht ein kleines bisschen verstanden zu werden, hoffe ich darauf, dass Du mir sagst, was ich tun soll. Ich denke, dass Du mir sehr helfen kannst.

Liebe Grüße,
Mickie